Heitlinger Weinbusiness Blog
„Ein Viertel Wein ist besser als gar kein Alkohol" – und warum das niemanden überraschen sollte
Kommentar von Erhard Heitlinger
zum Artikel in der FAZ: Internist zu WHO-Studien: „Ein Viertel Wein am Tag ist besser als gar kein Alkohol“ Von Peter Badenhop, Marco Dettweiler | 23.01.2026
https://www.faz.net/aktuell/rhein-main/region-und-hessen/mediziner-raet-ein-viertel-wein-am-tag-ist-besser-als-gar-kein-alkohol-accg-200459304.html
In den vergangenen Monaten häufen sich die Schlagzeilen:
„Alkohol ist immer schädlich."
„Schon ein Glas Wein erhöht das Krebsrisiko."
„Null ist die einzige sichere Menge."
Wer regelmäßig Zeitung liest, könnte den Eindruck gewinnen: Das Glas Wein zum Essen ist plötzlich ein gesundheitliches Risiko – fast schon ein moralisches Fehlverhalten.
Passt das wirklich zur Realität? Oder passt es eher zum Zeitgeist?
Ein aktuelles Interview in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung mit dem Rüdesheimer Internisten Johannes Scholl bringt wohltuend Sachlichkeit in eine emotional aufgeladene Debatte.
Seine zentrale Aussage: Ein Viertel Liter Wein am Tag – zum Essen, regelmäßig, maßvoll – ist für viele Menschen gesünder als völlige Abstinenz.
Zwischen Alarmismus und Realität
Die Weltgesundheitsorganisation und die Deutsche Gesellschaft für Ernährung vertreten seit einigen Jahren eine klare Linie: Es gebe keinen risikofreien Alkoholkonsum.
Formal stimmt das.
Kein Wirkstoff – auch kein Genussmittel – ist völlig ohne Risiko. Entscheidend ist immer die Dosis, der Kontext und der individuelle Gesundheitszustand.
Das Problem beginnt dort, wo aus statistischen Risiken eine pauschale Lebensregel gemacht wird – ohne Kontext, ohne Differenzierung, ohne kulturelle Einordnung.
Scholl weist zu Recht darauf hin: Selbst die oft zitierte Lancet-Studie von 2018 zeigt nicht nur Risiken, sondern auch positive Effekte – etwa auf die Gefäße.
Noch deutlicher wird ein Report der US-amerikanischen Nationalen Akademie der Wissenschaften von 2025: Bei moderatem Alkoholkonsum liegt die Herzinfarkt-Sterblichkeit rund 22 Prozent niedriger, die Gesamtsterblichkeit 16 Prozent niedriger als bei völliger Abstinenz.
Das passt nicht zum einfachen Narrativ „Alkohol ist immer schlecht". Aber es passt zur medizinischen Realität.
Ein Blick nach Frankreich – und in die Geschichte
Wer wie ich jahrzehntelang in Weinregionen unterwegs ist, wundert sich über diese Debatte ohnehin. In Frankreich, Italien, Spanien oder auch im Rheingau, in der Pfalz und im Kraichgau gehört ein Glas Wein zum Essen seit Jahrhunderten zum Alltag.
Nicht als Rauschmittel. Als Begleiter der Mahlzeit.
Und auffällig ist: Diese Regionen sind nicht bekannt für frühes Sterben. Im Gegenteil – viele davon gehören zu den Gegenden mit hoher Lebenserwartung.
Natürlich ist das kein wissenschaftlicher Beweis. Aber es ist ein kulturelles Indiz, das man nicht einfach wegwischen sollte.
Wein war nie ein Lifestyle-Accessoire. Er war Teil von Ernährung, sozialem Leben und Maßhalten.
Was moderater Weinkonsum laut Medizin bewirken kann
Scholl benennt sehr konkret, warum ein Viertel Wein täglich bei vielen Menschen positive Effekte hat:
• Verbesserung des Zuckerstoffwechsels
• Senkung des Diabetesrisikos
• Bessere Cholesterinwerte
• Gerinnungshemmender Effekt
• Reduktion von Entzündungswerten
• Schutz vor Arteriosklerose
Besonders relevant ist das für Menschen im mittleren und höheren Alter – also genau für jene Generationen, die traditionell Wein zum Essen trinken.
Für junge Menschen gilt das nicht. Sie profitieren gesundheitlich kaum, tragen aber die Risiken. Auch das wird oft verschwiegen.
Maß statt Moral
Ein entscheidender Punkt im Interview ist dieser: Der Nutzen verschwindet, sobald Maßlosigkeit beginnt.
Ein Viertel Wein: positiv. Zwei Viertel: neutral. Drei Viertel und mehr: schädlich.
So einfach ist es.
Es geht nicht um Rechtfertigung von Alkoholkonsum. Es geht um Vernunft.
Scholl bringt es mit dem Vergleich zum Rauchen auf den Punkt: Jede Zigarette schadet. Ein Glas Wein kann nützen.
Das ist ein fundamentaler Unterschied.
Warum die Debatte trotzdem so schrill geführt wird
Warum also dieser neue Alarmismus?
Ein Teil lässt sich wissenschaftlich erklären: Große Studien arbeiten mit Durchschnittswerten. Individuelle Lebensumstände gehen verloren.
Ein anderer Teil ist gesellschaftlich: Verzicht gilt heute als Tugend. Genuss muss sich rechtfertigen. Tradition wirkt verdächtig.
In einer Zeit, in der alles optimiert, kontrolliert und reguliert werden soll, passt Wein nicht ins Bild.
Er ist nicht funktional. Er ist kulturell. Und genau das macht ihn angreifbar.
Wein ist Kulturgut – kein Industrieprodukt
Für uns als Heitlinger Weinbusiness-Beratung ist diese Debatte nicht abstrakt.
Weingüter stehen für: Handwerk. Landschaft. Familiengeschichte. Regionale Identität.
Wer Wein nur noch als „Alkoholträger" betrachtet, verkennt seinen gesellschaftlichen Wert.
Ein gutes Weingut produziert kein Suchtmittel. Es produziert ein Lebensmittel mit Geschichte.
Das verpflichtet zu Verantwortung. Aber es rechtfertigt keinen Generalverdacht.
Fazit: Gelassenheit statt Hysterie
Niemand sollte anfangen zu trinken, um gesünder zu leben. Das sagt auch Johannes Scholl. Aber niemand sollte sich schuldig fühlen, weil er zum Essen ein Glas Wein genießt.
Maßvoller Weinkonsum, eingebettet in gute Ernährung, soziale Kultur und Bewegung, ist für viele Menschen kein Risiko – sondern Teil eines ausgewogenen Lebens.
Vielleicht ist das die eigentliche Lehre: Nicht alles, was statistisch messbar ist, lässt sich in Lebensregeln pressen. Manches erschließt sich erst, wenn man Maß, Erfahrung und gesunden Menschenverstand zusammenbringt.
Und manchmal eben auch ein gutes Glas Wein.


